Kirsch, Most und
Bränz rund
um Zugersee und Rigi

Kirschgewerbe 19

Der Zuger Kirsch wird
weltbekannt

1870: Kirschwasser-Gesellschaft, Zug und Oberägeri [150]

Standorte: Zug – Chamerstrasse 6/Bundesstrasse 15, Aegeristrasse 40. Oberägeri – Rothusweg 11.

Während in anderen Kantonen vor allem Schnaps aus Kernobst gebrannt wurde, setzten die Zuger mit Erfolg voll auf ihre Brennkirschen und das noble und lukrative Kirschwasser. 1870 gründeten 116 Chriesibauern und Kirschbrenner die «Kirschwasser-Gesellschaft in Zug», mit dem Ziel, die Qualität des Zuger Kirschs zu steigern, Fälschungen zu vermeiden und den Export zu fördern. Die Aktiengesellschaft gab sich ambitioniert, die gesamte politische Elite des Kantons Zug sass im Verwaltungsrat. 1872 errichtete die marktbeherrschende Vereinigung beim alten Bahnhof Zug im Neustadtquartier ein repräsentatives Zentrum mit einer leistungsstarken Brennerei und einem Lager für 500 Tonnen Brennkirschen. Für den weltweiten Vertrieb unterhielt man über 20 Depots und Agenturen in Europa, Russland, Kleinasien, Nord- und Südamerika sowie in der Karibik. 1911 verlegte die Kirschwasser-Gesellschaft ihren Firmensitz nach Oberägeri und mietete an der Aegeristrasse in Zug ein Kirsch-Depot mit Brennerei.

 

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Im Zuge der Industrialisierung und des zunehmenden Imports von billigen Obstbranntweinen aus ganz Europa geriet das einheimische Kirschwasser immer mehr unter Druck. Deshalb schlossen sich 1870 die Chriesibauern und Kirschbrenner auf Initiative des «kantonalen landwirtschaftlichen Vereins von Zug» zusammen und gründeten die «Kirschwasser-Gesellschaft in Zug». Mitglied der neuen Aktiengesellschaft waren 116 Landwirte und Gutsbesitzer aus dem ganzen Kanton. Sie wollten die Qualität des Zuger Kirschwassers steigern, Fälschungen vermeiden und den weltweiten Export fördern.[151]

 

1872 errichtete die Kirschwassergesellschaft an der Chamerstrasse 6 im Zuger Neustadtquartier ein repräsentatives Gebäude mit Werkstatt und direktem Bahnanschluss. Das Lager hatte die erstaunlich grosse Kapazität von 500 Tonnen Brennkirschen. Die Gesellschaft betrieb dort eigene, dampfbetriebene Destillationsapparate, die Carl Georg Siemens, Verwandter des bekannten Firmengründers Ernst Werner Siemens (1816–1892), in Stuttgart hergestellt hatte.[152] Zum unabhängigen Kontrollexperten ernannte man den Zuger Kantonsschullehrer und Aargauer Chemieprofessor Friedrich Christoph Mühlberg (1840–1915), einer der späteren Lehrer von Albert Einstein (1879–1955).[153] An internationalen Ausstellungen in London, Wien und Weinfelden 1873, Philadelphia 1876, Paris 1878 und 1900, Zürich 1883, Chicago 1893, Genf 1896 und Brüssel 1897 gewann der begehrte Kirsch der «Kirschwasser-Gesellschaft in Zug» höchste Auszeichnungen, auch an der Schweizerischen Landesausstellung in Bern errang man 1914 die Goldmedaille.[154] Die älteste überlieferte Kirschflasche der Kirschwassergesellschaft mit Originalabfüllung stammt von 1895 und befindet sich im Besitz der «Distillerie Etter Söhne AG» in Zug.[155]

 

Für den weltweiten Vertrieb unterhielt die «Kirschwasser-Gesellschaft in Zug» in den 1870er-Jahren über 20 Depots und Agenturen in Europa, Russland, Kleinasien, Nord- und Südamerika sowie in der Karibik. Sogar auf Kuba wurde Zuger Kirsch verkauft. Die Gesellschaft sandte Vertreter aus, die bei Gastronomiebetrieben und Verkaufsläden mit Gratis-Mustern für den Zuger Kirsch warben.[156] 1911 verkaufte die Gesellschaft die Liegenschaft im Neustadtquartier und verlegte ihren Sitz zu Georg Henggeler-Ulrich ins «Rothaus» nach Oberägeri. Die Vereinigung mietete eine Brennerei mit Depot an der Ägeristrasse 40 in Zug, den vormaligen Betrieb von Destillateur Caspar Keiser. 1918 wurde auch diese Zweigniederlassung aufgegeben und Keiser verkaufte die Liegenschaft an Kirschbrenner Josef Nussbaumer-Landolt.[157] Das ehemalige Gebäude der Kirschwassergesellschaft im Neustadtquartier ging 1919/1920 samt Umschwung an die Protestantische Kirch­gemeinde, die es danach als Pfarrhaus und als Oberschule für Mädchen umnutzte.[158]

 

Mit der Einführung des neuen Alkoholgesetzes 1932 wurden die Aktivitäten der «Kirschwasser-Gesellschaft in Zug» eingestellt.[159] 2010 wurde der ehemalige Sitz im Neustadtquartier abgerissen und an seiner Stelle 2012 das «Reformierte Kirchenzentrum» des Kantons Zug errichtet. Das an der Chamerstrasse 6 angebrachte Steinwappen mit Kirschzweigen erinnert als historisches Überbleibsel an die goldene Epoche, als der «Zuger Kirsch» weltweiten Ruhm erlangte.[160] Das Nachfolgeunternehmen der Kirschwassergesellschaft existiert seit 1932 unter dem Namen «KIWAG Kirschwasser-Gesellschaft Zug AG» und ist bei der «Distillerie Etter Söhne AG» in Zug domiziliert.[161]

 
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Quellen

Literatur: Kleeb Ueli / Lötscher Caroline, CHRIESI, Kirschenkultur rund um Zugersee und Rigi, Zug, 2017, www.chriesi.ch. Texte auf Seiten 455–559 zum Kirschgewerbe 1–45 von Ueli Kleeb & Michael van Orsouw.

 

[150] PA UK, AZRK, 1.2.0, Brennereien, Kirschwasser-Gesellschaft, Zug–Oberägeri; Kleeb, Ueli, «Geschichte der Kirschwasser-Gesellschaft in Zug», Zug, 2013. [151] «Statuten für die Kirschwasser-Gesellschaft in Zug», 29. Wintermonat 1870, in: BZ, ATB 2350. [152] «Das Kirschwasser und die Kirschwasser-Gesellschaft in Zug», Zug, 1872, S. 21, in: StA ZG, P 167, Kirschwasser-Gesellschaft in Zug, T Msc 4430–4445; «Siemens, Carl Georg», in: WIKI, https://de.wikipedia.org, 2015. [153] Lienhard, Luc, «Mühlberg, Friedrich», in: HLS, www.hls-dhs-dss.ch, 2015. [154] Kaiser, Fernando, «Illustrirter Führer Zug: Stadt und Kanton», Zürich, 1885, S. 44. [155] FA ESD, Zug. [156] Beilagenzettel zur «Kirschwasser-Gesellschaft in Zug», in: StA ZG, P 167, Kirschwasser-Gesellschaft in Zug, T Msc 4430–4445. [157] Diverse Akten, Protokolle, Briefe und Hefte zur «Kirschwasser-Gesellschaft in Zug», in: StA ZG, P 167, Kirschwasser-Gesellschaft in Zug, T Msc 4430–4445; Todesanzeige Zuger Nachrichten, Georg Henggeler, in: ZN, Nr. 138, 17.11.1933. [158] Brief vom 15.05.1920, in: KiA Zg Ref, o.S. [159] HR ZG. 160] Artikel Neue Zuger Zeitung, «Chriesi sind sozusagen der Zuger Rohstoff», in: NZugerZ, Nr. 111, 15.05.2013; Artikel Zuger Woche, «Einweihung Steinwappen», in: ZW, 22.05.2013. [161] HR ZG.

[Abb. 0874] Visitenkarte «Kirschwassergesellschaft in Zug, Schweiz, Vertreten durch: Herrn Georges Henggeler.», ab 1896: Die Vereinigung erhielt viele Auszeichnungen.</p>

[Abb. 0874] Visitenkarte «Kirschwassergesellschaft in Zug, Schweiz, Vertreten durch: Herrn Georges Henggeler.», ab 1896: Die Vereinigung erhielt viele Auszeichnungen.

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[Abb. 0870] Inserat der «Kirschwassergesellschaft Zug (Schweiz)», ab 1870.</p>

[Abb. 0870] Inserat der «Kirschwassergesellschaft Zug (Schweiz)», ab 1870.

[Abb. 0871] Älteste Flasche der «Kirschwasser-Gesellschaft in Zug», 1895</p>

[Abb. 0871] Älteste Flasche der «Kirschwasser-Gesellschaft in Zug», 1895

[Abb. 0872] Liste der Agenturen und Depots der «Kirschwasser-Gesellschaft in Zug», 1871–1876: Das Sendungsbewusstsein der Chriesibauern und Brenner war enorm, Zuger Kirsch gab es auf der ganzen Welt, sogar auf Kuba.</p>

[Abb. 0872] Liste der Agenturen und Depots der «Kirschwasser-Gesellschaft in Zug», 1871–1876: Das Sendungsbewusstsein der Chriesibauern und Brenner war enorm, Zuger Kirsch gab es auf der ganzen Welt, sogar auf Kuba.

[Abb. 0873] Rechnung «Kirschwasser-Gesellschaft in Zug» für den Verkauf von Kirsch mit den Jahrgängen 1870, 1872, 1874 und 1875, 28. Mai 1876.</p>

[Abb. 0873] Rechnung «Kirschwasser-Gesellschaft in Zug» für den Verkauf von Kirsch mit den Jahrgängen 1870, 1872, 1874 und 1875, 28. Mai 1876.

[Abb. 0875] Aktie «Kirschwasser-Gesellschaft in Zug» im Nennwert von 400 Franken, 25. Mai 1897.</p>

[Abb. 0875] Aktie «Kirschwasser-Gesellschaft in Zug» im Nennwert von 400 Franken, 25. Mai 1897.

[Abb. 0876] Werbung der «KGZ» mit zwei weissen Kirschen-Tauben, 1904.</p>

[Abb. 0876] Werbung der «KGZ» mit zwei weissen Kirschen-Tauben, 1904.

[Abb. 0877] Preisliste der «Kirschwasser-Gesellschaft in Zug», 1. Januar 1909: Verkauft wurden neben verschiedenen Jahrgängen von Kirschwassern auch diverse importierte Spirituosen.</p>

[Abb. 0877] Preisliste der «Kirschwasser-Gesellschaft in Zug», 1. Januar 1909: Verkauft wurden neben verschiedenen Jahrgängen von Kirschwassern auch diverse importierte Spirituosen.

[Abb. 0878] Flaschenetikette «Kirsch de Zoug» der «Société pour la distillation des eaux-de-cerises de Zoug S.–A., Zoug-Suisse», ab 1918.</p>

[Abb. 0878] Flaschenetikette «Kirsch de Zoug» der «Société pour la distillation des eaux-de-cerises de Zoug S.–A., Zoug-Suisse», ab 1918.

[Abb. 0879] Briefkopf der Kirschwasser-Gesellschaft in Oberägeri, 1924.</p>

[Abb. 0879] Briefkopf der Kirschwasser-Gesellschaft in Oberägeri, 1924.

[Abb. 0880] Firmensitz der «Kirschwasser-Gesellschaft in Zug» an der Chamerstrasse 6 in Zug, bis 1919/1920.</p>

[Abb. 0880] Firmensitz der «Kirschwasser-Gesellschaft in Zug» an der Chamerstrasse 6 in Zug, bis 1919/1920.

[Abb. 0881] Luftbild der ehemaligen Fabrik der «Kirschwasser-Gesellschaft in Zug» zwischen Chamerstrasse und Bundesstrasse vor dem Abriss, 2009.</p>

[Abb. 0881] Luftbild der ehemaligen Fabrik der «Kirschwasser-Gesellschaft in Zug» zwischen Chamerstrasse und Bundesstrasse vor dem Abriss, 2009.

 
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Quellen

Bildarchiv: PA UK, Privatarchiv Ueli Kleeb Zug.


[Abb. 0870] BZ, Bibliothek Zug (Kleindruckschriftensammlung); [Abb. 0871] FA ESD, Firmenarchiv Etter Söhne Distillerie Zug; [Abb. 0872] StA ZG, Staatsarchiv Zug (P 167); [Abb. 0873] PA HZ, Privatarchiv Heinrich Zwyssig Hünenberg; [Abb. 0874] PA WB, Privatarchiv Wyss-Bärlocher Zug; [Abb. 0875] PA JH, Privatarchiv Josef Huwiler Cham; [Abb. 0876/0877] PA WB, Privatarchiv Wyss-Bärlocher Zug; [Abb. 0878/0879] PA UK, Privatarchiv Ueli Kleeb Zug; [Abb. 0880/0881] KiA Zg Ref, Reformiertes Kirchgemeindearchiv Zug.