Kirsch, Most und
Bränz rund
um Zugersee und Rigi

Kirschgewerbe 20:

Kirsch für Rigi-Touristen

1877: Räber, Küssnacht [162]

Standorte: Küssnacht — Falken (Bahnhofstrasse 2/4) / Litzi (Litzistrasse) / Grossmatt (Luzernerstrasse 151) / Fänn (West 12).

Anton Räber war Wirt und Kirschbrenner in Küssnacht. 1877 gründete er die Firma Räber und verkaufte sein Rigi-Kirschwasser an die vielen Touristen, die von Luzern kommend über Küssnacht auf die Rigi reisten. Wegen der grossen Nachfrage vergrösserte er die Brennerei 1894. Für seine Destillate wurde Räber mit zahlreichen namhaften nationalen und internationalen Auszeichnungen preisgekrönt. An der Weltausstellung in Paris 1900 bot ihm die «Académie Nationale Agricole» die ehrenvolle Mitgliedschaft an, die er aus Bescheidenheit ablehnte. Räber exportierte ganze Kirschfässer nach Italien, Frankreich und England. Sein Sohn übernahm das Geschäft 1925 und erweiterte das Sortiment, sein Enkel führte den Betrieb ab 1946 weiter, gründete eine Aktiengesellschaft und baute eine grosse Produktionstätte zwischen Küssnacht und Merlischachen. 1986 wurde die «Räber AG» von Josef Feusi gekauft, der mit der Übernahme der «Dr. Fischlin's Konfitüren» auch zu einem der grössten Schweizer Konfitürenhersteller wurde. Seit 2021 befindet sich die Firma Räber im Industriequartier Fänn und exportiert ihre Produkte vor allem nach den USA, nach Kanada, Korea, Deutschland, Weissrussland, Hongkong, China, Katar und Thailand.

 

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Joseph Anton Räber-Ehrler/Röllin I. (1847–1925) wirtete im «Falken» in Küssnacht. Sein Urgrossvater Joseph stammte vom Hof «Grossmatt» im schwy­zerischen Merlischachen am Vierwaldstättersee, in einer Gegend mit einem der grössten Kirschbaumbestände der Region. Joseph Anton war ambitioniert: Der gelernte Kaufmann arbeitete nach seiner Rückkehr aus dem Ausland als Wirt und als Kirschbrenner. Gemäss Ein­trägen in seinem Tagebuch handelte er bereits 1868 mit Kirschwasser, das er in grösseren Mengen an diverse Kunden nach Genf lieferte.

 

Als eigentliches Gründungsdatum der Firma gilt aber das Jahr 1877, als Joseph Anton I. begann, seine Tätigkeit als Händler von italienischen Spezialitäten und Weinen mit dem gewerblichen Brennen von Kirschwasser aus der Re­gion Rigi zu ergänzen. Bald schon vermochte Räber der steigenden Nachfrage mit seiner kleinen Brennerei nicht mehr nachzukommen. Die vielen Rigitouristen, namentlich aus der Westschweiz und dem Tessin, aber auch Kirschlieb­haber aus Italien gehörten zur Kundschaft des Familienunternehmens. Bis zur Eröffnung der Rigi-Bahn im Jahr 1871 liessen sich die Touristen durch Träger oder Pferde von Küssnacht oder Weggis aus auf den berühmten Aussichtsberg bringen. Küssnacht war damals der grosse Umsteigeplatz für die Rigibesucher, welche im idyllischen Flecken am See Einkehr hielten und dabei den Kirsch von Räber kennen und schätzen gelernt haben sollen.

 

Räber erhielt für seine Kirschbrände zahlreiche Auszeichnungen, unter anderen eine Ehrenmeldung an der «Schweizerischen Landesausstellung» in Zürich 1883, eine Silber­medaille an der «Industrial Cookery and Food Exhibition» in London 1888 und ein Ehrendiplom mit Goldmedaille an der «Exposition Concours International» in Brüssel 1891. Weitere Medaillen gewann Räber 1882 in Bordeaux, 1883 in Amsterdam und 1883/1884 in Nizza.[163] Das älteste erhalten gebliebene Kirschwasser mit der Etikette «1897er, Rigi-Kirsch, Anton Räber, Brennerei, Küssnacht am Rigi» befindet sich in der Sammlung von Lukas Fassbind in Oberarth.[164] Es existieren weitere Flaschen mit handgeschriebenen Etiketten, die mit Originalkirsch von 1900 und 1901 oder 1920 und 1928 abgefüllt wurden. Räber bietet zudem zahl­rei­che neu abgefüllte Fla­schen an mit Rigi-Kirsch fast aller Jahrgänge bis in die Gegenwart.[165]

 

1894 kaufte Räber die Liegenschaft in der «Litzi» in Küssnacht und baute sie zu einer der grössten Brennereien der Schweiz aus. An der Weltausstellung in Paris erhielt Räber im Jahr 1900 eine hohe Anerkennung für die Qualität seiner Brände: Die Pariser «Académie Nationale Agricole» bot ihm daraufhin die ehrenvolle Mitgliedschaft an, welche dieser jedoch ablehnte, angeblich aus Bescheidenheit. Den Küssnachter Kirsch vertrieb Räber auch nach Italien und Frankreich, vor allem nach Lyon, Paris und Marseille. Später kam der Export ganzer Kirschfässer nach England hinzu. Zudem handelte er mit italienischen Spezia­litäten und Weinen. Ein Dip­lom mit Bronzemedaille er­hielt Räber 1896 an der «Exposition Nationale Suisse» in Genf, ein Diplom mit Silber­medaille 1910 an der «VIII. Exposition Suisse d’Agriculture» in Lausanne sowie eine Goldme­daille für «Rigi-Kirsch» an der Schweizerischen Landesausstellung 1964 in Lausanne.[166]

 

Nach dem Tod von Joseph Anton Räber I. übernahm 1925 sein Sohn Josef Anton Räber-Wechsler II. (1885–1946) das Geschäft und baute im Tessin eine grosse Kundschaft auf. Das Sortiment der «Anton Räber Distillerie» erweiterte er mit diversen Obstdestillaten, Likören und Magenbitter. Nach dem Tod von Anton Räber II. führte dessen Sohn Otto Räber (1919–1982) den Betrieb ab 1946 in der dritten Generation weiter. 1960 war die Zeit gekommen, um die Familiengesellschaft in eine Aktiengesellschaft zu überführen, nämlich in die «Distillerie Räber AG». Auf der «Grossmatt» zwischen Küssnacht und Merlischachen entstand daraufhin die neue und grosszügig angelegte Pro­duktionsstätte mit zeitgemässen Destillationsanlagen. Die Brennkapazität erwei­ter­te die Firma Räber 1974, indem sie nicht mehr beantragte Brennbewilligungen ihrer Konkurrenten gezielt aufkaufte.

 

Nach dem Tod von Otto führ­te sein Bruder Alfons Räber (*1928) den Betrieb ab 1982 als alleiniger Inhaber weiter und dehnte das Geschäft auf den Import von Weinen aus.[167] 1986 kam es schliesslich zum Verkauf der «Räber AG» an den gelernten ETH-Agro­nomen Josef Feusi (*1937). Der neue Eigentümer sah das Potential von modernen und fruchthaltigen Konfitüren, mit deren Produktion er 1987 startete. 1989 übernahm die «Distillerie Räber AG» die Marke «Dr. Fischlin’s Konfitüre» der «Fischlin AG» in Arth, wodurch Räber zu einem der grössten Konfitürenhersteller der Schweiz wurde. Die «Rä­ber AG» exportierte ihre Produkte 2001 in zwölf Länder. Der «Rigi-Kirsch» und andere Destillate, hergestellt aus Hochstammobst, nehmen dabei eine wichtige Stellung ein. Insbesondere für ihre Kirsch­produkte erhält die Firma Räber regelmässig Höchstnoten. 2021 wurde der Firmensitz auf der Grossmatt bei Merlischachen aufgegeben und die Produktion ins Industriequartier Fänn bei Küssnacht verlagert. (korrigierte Fassung)

 
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Quellen

Literatur: Kleeb Ueli / Lötscher Caroline, CHRIESI, Kirschenkultur rund um Zugersee und Rigi, Zug, 2017, www.chriesi.ch. Texte auf Seiten 455–559 zum Kirschgewerbe 1–45 von Ueli Kleeb & Michael van Orsouw.

 

[162] — PA UK, AZRK, 1.2.0 Brennereien, Räber, Küssnacht; FA RÄ, Küssnacht; PA AR, Küssnacht; Auskünfte Fredy Müller, Küssnacht / Alfons Räber, Küssnacht. [163] — Koch, Hans / Nussberger, Paul, «Beiträge zur Heimatgeschichte von Uri, Schwyz, Unterwalden, Zug», Zollikon–Zürich, 1947, S. 98. [164] — PA LF, Oberarth. [165] — FA RÄ, Küssnacht. [166] — FA RÄ, Küssnacht. [167] — FA RÄ, Küssnacht.

[Abb. 0882] Urkunde für die Silbermedaillen-Auszeichnung an Anton Räber aus Küssnacht, verliehen durch «The Cookery and Food Universal Exhibition» in London, 1888: Räber war an internationalen Wettbewerben schon früh erfolgreich.</p>

[Abb. 0882] Urkunde für die Silbermedaillen-Auszeichnung an Anton Räber aus Küssnacht, verliehen durch «The Cookery and Food Universal Exhibition» in London, 1888: Räber war an internationalen Wettbewerben schon früh erfolgreich.

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[Abb. 0883] Silbermedaille für Räber an der Ausstellung in London, 1888.</p>

[Abb. 0883] Silbermedaille für Räber an der Ausstellung in London, 1888.

[Abb. 0884] Urkunde der Goldmedaille an Anton Räber an der «Exposition Concours International» in Brüssel, 1891.</p>

[Abb. 0884] Urkunde der Goldmedaille an Anton Räber an der «Exposition Concours International» in Brüssel, 1891.

[Abb. 0885] Goldmedaille für Räber an der Ausstellung in Brüssel, 1891.</p>

[Abb. 0885] Goldmedaille für Räber an der Ausstellung in Brüssel, 1891.

[Abb. 0886] Flasche «Rigi-Kirsch» der «Anton Räber Brennerei» in Küssnacht am Rigi, mit Kirschwasser von 1897.</p>

[Abb. 0886] Flasche «Rigi-Kirsch» der «Anton Räber Brennerei» in Küssnacht am Rigi, mit Kirschwasser von 1897.

[Abb. 0887] Postkarte mit Firmengelände der «Kirschwasser- & Magenbitter- Destilla­zione Ant. Raeber, Küssnacht a/Rigi», 1900–1915: Viele Rigitouristen aus der Westschweiz und dem Tessin, aber auch Kirschliebhaber aus Italien gehörten zur Kundschaft des Schwyzer Familienunternehmens. </p>

[Abb. 0887] Postkarte mit Firmengelände der «Kirschwasser- & Magenbitter- Destilla­zione Ant. Raeber, Küssnacht a/Rigi», 1900–1915: Viele Rigitouristen aus der Westschweiz und dem Tessin, aber auch Kirschliebhaber aus Italien gehörten zur Kundschaft des Schwyzer Familienunternehmens. 

[Abb. 0888] Flaschenetikette «Räber-Kirsch, Häfelibrand», ab 1964.</p>

[Abb. 0888] Flaschenetikette «Räber-Kirsch, Häfelibrand», ab 1964.

[Abb. 0889] Der 1960 errichtete neue Firmensitz der «Distillerie Räber AG» auf der «Grossmatt» zwischen Küssnacht und Merlischachen, 1973–1974.</p>

[Abb. 0889] Der 1960 errichtete neue Firmensitz der «Distillerie Räber AG» auf der «Grossmatt» zwischen Küssnacht und Merlischachen, 1973–1974.

[Abb. 0890] Prospekt «Distillerie Räber AG» in Küssnacht, 1973–1974.</p>

[Abb. 0890] Prospekt «Distillerie Räber AG» in Küssnacht, 1973–1974.

[Abb. 0891] Brennerei Räber, 1973.</p>

[Abb. 0891] Brennerei Räber, 1973.

[Abb. 0892] Flasche «Räber-Kirsch» mit Nachdruck der ersten, kunstvoll gestalteten Kirschetikette von Anton Räber aus der Gründerzeit, vor 2000.</p>

[Abb. 0892] Flasche «Räber-Kirsch» mit Nachdruck der ersten, kunstvoll gestalteten Kirschetikette von Anton Räber aus der Gründerzeit, vor 2000.

[Abb. 0893] Brennerei Räber, 2013.</p>

[Abb. 0893] Brennerei Räber, 2013.

[Abb. 0894] 50-Liter-Aluminiumfass der Firma Räber, 2013.</p>

[Abb. 0894] 50-Liter-Aluminiumfass der Firma Räber, 2013.

[Abb. neu] Leidbild von Anton Räber-Wechsler (1885–1946).</p>

[Abb. neu] Leidbild von Anton Räber-Wechsler (1885–1946).

 
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Quellen

Bildarchiv: PA UK, Privatarchiv Ueli Kleeb Zug.

 

[Abb. 0882/0883] FA RÄ, Firmenarchiv Räber Küssnacht; [Abb. 0884/0885] FA RÄ, Firmenarchiv Räber Küssnacht; [Abb. 0886] PA LF, Privatarchiv Lukas Fassbind Oberarth; [Abb. 0887] StA SZ, Staatsarchiv Schwyz (Slg. Kloster Einsiedeln); [Abb. 0888] PA AR, Privatarchiv Alfons Räber Küssnacht; [Abb. 0889/0890] FA RÄ, Firmenarchiv Räber Küssnacht; [Abb. 0891] FA RÄ, Firmenarchiv Räber Küssnacht; [Abb. 0892] PA AR, Privatarchiv Alfons Räber Küssnacht; [Abb. 0893/0894] FA RÄ, Firmenarchiv Räber Küssnacht; [Abb. neu] StA SZ, Staatsarchiv Schwyz,