Kirsch, Most und
Bränz rund
um Zugersee und Rigi

Kirschgewerbe 7

Brennen im
Herrschaftsgebäude

1851; 1918: Wyss, Zug; Kaelin, Zug [58]

Standorte: Zug – Neugasse, Obere/Untere Münz (Zeughausgasse 16/14).

In der «Münz», wo die Zuger früher ihre Münzen prägten, befand sich die Brennerei Wyss. Das 1851 gegründete Geschäft mit Destillaten, Weinen, Gedörrtem und Spezereien lief so gut, dass Martin Anton Wyss in der Folge die «Untere Münz» samt Garten dazukaufen konnte. Das Kirschwasser wurde in Zementfässern im Keller gelagert. Mit dem in Paris und Wien ausgezeichneten «eau-de-cerise» belieferte Kirschbrenner Wyss auch den späteren König Karl I. von Rumänien. 1902 übernahm sein Sohn, Stadtrat und Kantonsrat August Wyss die Destillerie, ab 1918 wurde sie von dessen Nachfolger Franz Kaelin weiterbetrieben.

 

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An der Zeughausgasse, im herrschaftlichen Gebäude der «Münz» mitten in der Stadt Zug, befand sich früher die Brennerei von Martin Anton Wyss-Stadlin (1818–1903). Noch heute steht am barocken Gebäude über dem Hofeingang «Kirsch-Destillation, Weine, Aug. Wyss, vormals M. A. Wyss. Gegründet 1851». Die Gründung des Geschäftes für «Landesprodukte, Weine und Spirituosen» fand 1851 an der benachbarten Neugasse im Haus «Zum Einhorn» statt. Zuvor hatte Martin Anton Wyss-Stadlin mit seinem Bruder Johann Fidel Beat die «Gebr. Wyss, Apotheke» am Postplatz betrieben, welche über die Kantonsgrenze hinaus bekannt war.

 

Martin Anton stieg 1850 aus der 1841 gegründeten Apotheke aus und startete ein Jahr später sein «Geschäft für Landesprodukte». Durch Erbschaft seiner Frau kam Wyss 1857 in den Besitz der «Oberen Münz» und übersiedelte 1861 dorthin. Die einstige Backstube liess er entfernen und richtete stattdessen ein Verkaufslokal mit Schreibstube ein. Nach Jahren baute Wyss eine Kirschbrennerei in die Galerie, den Kirsch lagerte er in Zementfässern im Keller. Über ihn hiess es: «Wyss brachte seinen Handel in Distillaten, Weinen, Gedörrtem und Spezereien zu grosser Blüte.»[59] 1864 kaufte er zudem die «Untere Münz» und den unteren Münzgarten. Neben seiner beruflichen Tätigkeit war Martin Anton Wyss auch gesellschaftlich sehr aktiv.

 

So war er Mitglied in der Stadtschützengesellschaft, bei der Theater- und Musikgesellschaft, in der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft sowie Mitmeister bei der Stadtzuger Müller- und Bäckerzunft.[60] Wyss übte für seine Firma eine lebhafte Handelsreisetätigkeit aus, weswegen sich der Kundenkreis schnell ausdehnte. Für seinen Zuger Kirsch erhielt Martin Anton Wyss Auszeichnungen an der Weltausstellung 1867 in Paris, an der Weltausstellung 1873 in Wien und an der Landesausstellung 1896 in Genf. In einer damaligen Preisliste wurde 15-jähriger Kirsch für 7 Franken, 2-jähriger Kirsch für 2.50 Franken angeboten, und zwar abgefüllt, etikettiert und verkapselt in Dreiviertel-Liter-Flaschen. Es gab aber auch Kirsch-Literware, die Wyss in grossen Korbflaschen und Fässern transportierte.

 

Wyss belieferte unter anderem den Prinzen Karl I. von Rumänien (1839–1914) mit seinem «eau-de-cerise», wie eine überlieferte Geschäftskorrespondenz vom 12./24. Februar 1873 beweist. Der rumänische Kabinettsekretär schrieb auf Französisch, dass man das bereits zugesandte Muster mit Kirsch aus der Gemeinde Cham am Hof zwar exzellent fand, aber auch etwas jung. Die Bestellung fiel trotzdem grosszügig aus: «Je vous prierais de vouloir bien nous en fournir encore 25 bouteilles de la meilleure et de la plus vieille que vous pouvez trouver.» Das Kirschwasser sollte mit der Eisenbahn über Wien und Lemberg nach Bukarest spediert werden.[61]

 

Die Brennkirschen bezog die Destillerie Wyss unter anderem auch vom Steinerberg.[62] Aus den Jahren zwischen 1873 und 1896 ist eine gut erhaltene Flaschenetikette für Kirschwasser aus der Münz überliefert. Eine andere Etikette für «Kirsch de Zoug» stammt von 1903. Im Jahr 1902 ging die Brennerei an den Zuger Stadtrat und Kantonsrat August Wyss-Kämmer (1853–1933) über, der das Geschäft vergrösserte und optimierte.[63] Ab 1918 wurde die «Destillerie August Wyss sel. Erben» in der Münz von Franz Kaelin (1888–1941) aus Einsiedeln weiterbetrieben, der vor allem Zuger Kirsch, aber auch Wacholder, Enzian sowie andere Liköre und Spirituosen produzierte. Die «Destillerie F. Kaelin» verfügte 1932 über drei Brennblasen à je 230 Liter sowie eine Brennblase à 25–30 Liter, was einem Gesamtblaseninhalt von 715–720 Litern entspricht.[64] Franz Kaelin gab das Geschäft im Jahr 1933 auf.

 
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Quellen

Literatur: Kleeb Ueli / Lötscher Caroline, CHRIESI, Kirschenkultur rund um Zugersee und Rigi, Zug, 2017, www.chriesi.chTexte auf Seiten 455–559 zum Kirschgewerbe 1–45 von Ueli Kleeb & Michael van Orsouw.

 

[58] PA UK, AZRK, 1.2.0 Brennereien, Wyss–Kaelin, Zug; PA WB, Zug; Auskünfte Anita Bärlocher-Wyss, Zug / Irene Franchini-Wyss, Zug. [59] Luthiger, Viktor, «Häuser und Nachbarschaften der Stadt Zug», in: «Zuger Kalender 1941», Zug, 1941, S. 63. [60] Wyss, Fritz, «Geschichte der Familie Wyss und Weiss im Kanton Zug», Zug, 1935, S. 145–147, 158–160; Nekrolog Zuger Nachrichten, Martin Anton Wyss; in: ZN, Nr. 43, 21.04.1903, in: StA ZG PERAD, T 24–1010. [61] PA WB, Zug. [62] Wyss, August, «Die alte Münz in Zug und ihre Bewohner», Zug, 1922, S. 46. [63] Nekrolog Zuger Volksblatt, August Wyss, in: ZV, Nr. 4, 09.01.1933, in: StA ZG PERAD, T 24–129; Zuger Verein für Heimatgeschichte, «Zuger Historio­graphen 1912–1977», Zug, 1977, S. 157. [64] Verzeichnis der Brennerei-Inhaber, Zug 1411, EAV, Bern.

[Abb. 0723] Flaschenetikette «M. A. Wyss, Kirschwasser, Zoug, Suisse», 1873–1896.</p>

[Abb. 0723] Flaschenetikette «M. A. Wyss, Kirschwasser, Zoug, Suisse», 1873–1896.

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[Abb. 0724] Briefkopf mit der Destillerie in der «Münz» in Zug, um 1900.</p>

[Abb. 0724] Briefkopf mit der Destillerie in der «Münz» in Zug, um 1900.

[Abb. 0725] Visitenkarte von Martin Anton Wyss für den Verkauf von «Eau de cerises», 1896–1902.</p>

[Abb. 0725] Visitenkarte von Martin Anton Wyss für den Verkauf von «Eau de cerises», 1896–1902.

[Abb. 0726] Rechnung «M. A. Wyss» für den Verkauf von zwei Litern Kirschwasser, 5. Mai 1897: Wyss handelte Kirschwasser, Rhum und Cognac sowie gedörrtes Obst und Gewürze</p>

[Abb. 0726] Rechnung «M. A. Wyss» für den Verkauf von zwei Litern Kirschwasser, 5. Mai 1897: Wyss handelte Kirschwasser, Rhum und Cognac sowie gedörrtes Obst und Gewürze

[Abb. 0728] Porträts von Vater Martin Anton Wyss (1818–1903) und seiner Gattin, Verena Wyss-Stadlin, von seinem Sohn August Wyss (1853–1933) mit seiner Gattin Ida Wyss-Kämmer: Sie waren ab 1857 die Besitzer der «Münz».</p>

[Abb. 0728] Porträts von Vater Martin Anton Wyss (1818–1903) und seiner Gattin, Verena Wyss-Stadlin, von seinem Sohn August Wyss (1853–1933) mit seiner Gattin Ida Wyss-Kämmer: Sie waren ab 1857 die Besitzer der «Münz».

[Abb. 0727] Flasche «Kirsch de Zoug» von August Wyss, Nachfolger von Martin Anton Wyss, vor 1933.</p>

[Abb. 0727] Flasche «Kirsch de Zoug» von August Wyss, Nachfolger von Martin Anton Wyss, vor 1933.

 
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Quellen

Bildarchiv: PA UK, Privatarchiv Ueli Kleeb Zug.

 

[Abb. 0723] PA AB, Privatarchiv Andreas Bossard Oberwil; [Abb. 0724] PA HZ, Privatarchiv Heinrich Zwyssig Hünenberg; [Abb. 0725] PA WB, Privatarchiv Wyss-Bärlocher Zug; [Abb. 0726] PA HZ, Privatarchiv Heinrich Zwyssig Hünenberg; [Abb. 0727] PA WB, Privatarchiv Wyss-Bärlocher Zug; [Abb. 0728] PA WB, Privatarchiv Wyss-Bärlocher Zug/Wyss, August, «Die alte Münz in Zug und ihre Bewohner», Zug, 1922.